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Über kranke Mütter und kleine Söhne: Eine Buchrezension

Wir sprechen viel über unser Dasein als Mütter. Wir versuchen unseren Alltag, unsere Ehen, unsere Beziehungen, unsere Vereinbarkeit zunächst einmal einfach nur hinzukriegen. Soweit ich das mitkriege, machen wir das prinzipiell alle ziemlich gut. Wir sind aber so beschäftigt, dass wir oft vergessen, dass wir auch immer noch Kinder unserer eigenen Mütter sind.

Viele von ihnen blieben damals zu Hause, als wir klein waren. Nicht unbedingt in der Hauptstadtmutti Redaktion, da die meisten von uns ostdeutsch oder sowjetisch geprägt aufgewachsen sind. Unsere Mütter haben gearbeitet, vielleicht verteidigen wir deshalb unser Dasein als arbeitende Mütter so vehement. Doch ich schweife ab.

Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass wir heutzutage oft hören, dass Mütter mehr denn je unter Überlastung, Druck und Stress leiden und kurz vorm Burn-Out stehen. Wir lesen die reißerischen Artikel mit den beängstigenden Statistiken zu überforderten Müttern, zucken mit den Schultern und müssen das Kind abholen, einkaufen gehen, ein Projekt beenden, Arzttermine absagen, weil die eigene Gesundheit nicht so wichtig ist wie der Liederkreis in der Schule am Nikolaustag. Bis zum nächsten Bandscheibenvorfall oder Schleimbeutelentzündung, wenn wir dann gezwungen werden im Bett zu liegen und uns auf einmal Gedanken machen, über uns selbst.

Mütter werden krank. Mütter kriegen die Grippe und Mütter haben manchmal einen Kater. Mütter haben auch ganz oft keinen Bock das Kind anzuziehen, es zu baden oder die Küche aufzuräumen (wird witziger, wenn man die Sätze zu Grönemeyers ‚Männer‘ liest). Wenn es nach mir geht, essen wir jeden Tag Sushi und niemand geht arbeiten. Geht aber nicht, wa? Deshalb sind wir Mütter oftmals die blöden Spielverderber, die allen immer sagen müssen, dass sie ihren verpackten Scheiß endlich wegräumen sollen, ihre bescheuerten Skateboards aus der Einfahrt wegräumen sollen und einfach mal die verfickte Gemüselasagne probieren sollen! Immer ist man nur am Denken, Organisieren, Machen, Tun, Listen schreiben, Listen abhaken, Weihnachtsgeschenke einkaufen, Adventskalender befüllen, Urlaube buchen und ständig alles Managen.

Ja, all das kann unter Umständen dazu führen, dass man bekloppt wird. Vielleicht sogar psychisch krank. Das soll nicht bedeuten, dass Mütter psychisch krank aufgrund ihres Mutterdaseins werden. Es soll aber heißen, wenn jemand die Tendenz zu Depressionen, zu Schizophrenie, zu Essstörungen hat, dass ein stressiges Leben, ein Leben, in dem man sich alleingelassen fühlt, sicherlich nicht hilfreich ist. Aber ich hab ja keine Ahnung. Ich bin nicht psychisch krank, glaub ich, ich habe lediglich ein Buch gelesen: Goldener Reiter von Michael Weins.

Das Buch ist erstmals erschienen, als ich ein megaselbstzentrierter Teenager war. Nun habe ich die Neuauflage als Mutter gelesen. And it almost killed me. Es ist die Geschichte eines Jungen, Joni, 12 Jahre alt, und seiner Mutter, die in die Klapse geht. Oder muss. Weil sie erschreckend seltsame Dinge tut. Weil die Dinge immer seltsamer werden. Und ich lese es und denke mir, fuck, kann mir das auch passieren? KLAR, das kann jedem passieren. Jeder kann psychisch krank werden.

60% aller Kinder psychisch kranker Eltern entwickeln im Laufe ihres Lebens ebenfalls eine psychische Störung, las ich kürzlich. Innerhalb der Allgemeinbevölkerung sind es etwa 20%. Ich glaube, dass der Schlüssel zu psychischer Gesundheit vor dem Hintergrund solcher Erfahrungen in Transparenz und Bindung liegt. Liebe und Offenheit, eine Sprache für das, was geschieht. Trotz des Misstrauens, des Ärgers, der Scham und der Hilflosigkeit gibt es Liebe zwischen Frau Fink und ihrem Sohn. Und bei allem Gestotter findet diese Mutter innerhalb des sprachlosen Umfelds doch noch Worte für die Katastrophe und kann ihrem Sohn sagen, dass sie krank ist.

Im Nachwort der Neuausgabe erfahren wir, dass Michael Weins auch einmal der kleine Joni war. Das Buch ist autobiographisch. Deshalb ist die Perspektive auch die des Sohnes. Es erzählt in sehr kurzen und klaren Sätzen, was der Junge sieht. Warum mich das also so krass mitgenommen hat? Weil ich mich natürlich manchmal frage, was mein Kind sieht, und wie er das sieht. Ich werde aber gleichzeitig auch wieder 12, sehe meine eigenen Eltern und kann nun ihr Verhalten sowohl aus meiner Mutter- als auch Kinderperspektive sehen.

Für die Lüge oder das Verschweigen gab es verschiedene Gründe, und sie haben mit dem Thema zu tun. Der erste Grund lautet: Scham. Und der zweite Grund lautet: Scham (wie beim Nightclub). Und die anderen vermutlich auch. Scham. Ich schämte mich für dieses Buch. Und ich schämte mich für meine Kindheit. Ich schämte mich für meine Mutter, die ich liebe. Und ich hatte Angst, dass ich nachher nie wieder ein literarischer Autor sein dürfte, sondern nur noch der Sohn der Verrückten, der Geisteskranken, möglicherweise selber nicht ganz dicht. Aber es war nun einmal die Geschichte, die ich zu erzählen hatte. Ich hatte damals diese und keine andere. Und die Geschichte schien mir gut. Und ich hatte eine Sprache gefunden, sie zu erzählen.

Ich spreche diese persönliche Wahrheit aus, weil ich weiß, dass es viele gibt, die sich ebenso schämen wie ich. Für ihren Bargfeld-Steegen-Papa oder was weiß ich. Die glauben, dass sie schuld sind und dass sie etwas verbergen müssen. Den Alkoholismus, die Depression, das Messietum, die Zwangsstörung oder einfach nur normal verkorkste Eltern. Oder eben eine Mutter mit paranoider Schizophrenie, wie ich. Solche, die jeden Tag lächelnd über Leichen in die Schule gehen, und keiner weiß Bescheid. Denen die Fassade alles ist, weil sie Schutz verspricht und Sicherheit bietet. Dieses Buch ist ein Roman. Es ist immer noch keine Autobiografie. Es ist kein Sachbuch. Es hat einen explizit literarischen Zugriff auf das Thema. Es wählt seine Form und seine Mittel, es abstrahiert, es reduziert Komplexität, es verdichtet, komprimiert das ehemals Wirkliche zu Kunst und es lässt Dinge weg.

Michael Weins – „Goldener Reiter“,  ISBN 978-3-938539-28-6, 19,90 Euro, erschienen im Mairisch Verlag

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