Hauptstadtmutti

Zwischen Bauern und Berlin: Müdigkeit

Es ist schwierig, wütend zu bleiben, wenn man müde ist. Letztens kursierte dann ‚mütend‘ durchs Netz. Joah, auch nett. Müde sind viele zur Zeit: vom öffentlichen Diskurs, vom gegenseitigen Anschreien, ob es jetzt wegen Impferei, Gesetzen, Lockdowns oder aus Angst ist. Die Kinder sind zu Hause, dann nicht, dann unregelmäßig, dann sollen sie testen, dann gibt es keine Tests. 

Alle um mich herum gucken wieder Friends, Gilmore Girls und selbst die härtesten Kritikerinnen teilen hier und da ein wackeliges Bild vom Laptop Bildschirm, auf dem gerade Sex and the City läuft. Wir geben uns keine Updates mehr, wir telefonieren kaum noch, außer ‚ich habe einen Impftermin!‘ oder ‚meine Eltern sind jetzt durchgeimpft‘. Wir fragen nicht mehr, wie das das Wochenende war oder welche Sommerferienpläne man hat. Dann sind wir manchmal überrascht, wenn wir merken, huch, die Freundinnen gibt es ja noch, die sind noch da. Wir sind auch noch da, wenn auch maximal lustlos. Ich habe nicht mal Lust, diese Kolumne zu schreiben, weil alles so unwichtig wirkt. Scheint ja nur so.

Ich hab mehr Lust, Kinderbücher zu empfehlen, Hautcreme zu verlosen und mir bunte Outfits anzuziehen. Aber Kolumnen über mein Leben? Bah geh weg, lieber Wein testen, beruflich, du weißt schon.

Samuel Beckett wusste, was kommt. Warten auf Godot geht immer als Referenz, wa. Oder Death of a Salesman, das auch. Und jetzt? Jetzt sitzen wir hier alle wie Estragon und Wladimir und warten. Dass er endlich kommt. Oder dass irgendwas passiert. Einmal bin ich im Berliner Ensemble eingeschlafen, beim Kirschgarten, so müde war ich. Unerhört! Im THEATER! Mein Mann ist bei The Black Panther eingeschlafen – das muss man erst mal schaffen. Schön dunkel, schön ruhig, schön kuschelig, da schläft man schon mal ein, wenn man kleine Kinder zu Hause hat. Das ist ein Level von müde, puh, da gehen die Augen im Kinosaal so schnell zu wie die schweren Samtvorhänge auf.

Mit müde kennen wir uns aus

Wir, die Muttis. Sicherlich auch viele Väter, aber hauptsächlich die Mütter. Die Kinder schlafen schlechter, wir auch. Jede Minute Wachsein muss genutzt werden, entweder weil grad ein Kind eingeschlafen ist oder weil irgendein Kind bald aufwachen wird. Es muss vor- und nachgearbeitet werden, nebenher muss geguckt werden, dass alles konform ist. Das eigene Verhalten, aber auch das der Schulkinder, der Kindergartenkinder und der eigenen Eltern. Es ist ernst und es ist zu Recht ernst. Menschen sterben gerade; Menschen verlieren ihre Existenz. 

Wie immer in meinem Zustand zwischen Bauern und Berlin versuche ich, beide Seiten zu verstehen, denn gefühlt gibt es nur noch zwei. Beide sind falsch und richtig für den jeweils anderen. Da, wo ich jetzt lebe, bin ich auch aufgewachsen. ‚Grüß Mutti‘ ist hier eine völlig unironische Verabschiedung. Währenddessen grinse ich euch verschmitzt mit meiner Mutti-Tasse an und zähle die Kaffeerationen bis zum Aufwachen. Da, wo ich jetzt lebe, habe ich sehr wohl mit sehr vielen Menschen zu tun, die sich kritisch äußern. Das kann frustrierend sein oder nervig, aber es hat einen anderen Effekt: diese Gruppe von Menschen, sofern man sie über einen Kamm scheren möchte, ist nicht nur eine anonyme Gruppe von Idioten für mich. 

Wie so oft seit unserem Umzug aufs Land fällt mir auf, wie verschlossen sich meine vermeintlich offene Intellektuellenblase in Berlin gegenüber anderen Lebensrealitäten verhält. In den Medien hören wir immer und immer wieder von den geplagten Menschen im Homeoffice, vielleicht auch, weil sie nur Menschen zwischen Homeoffice und Homeschooling kennen? Auch an dieser Stelle möchte ich betonen, dass es natürlich wichtig und richtig wäre, wenn Homeoffice-fähige Jobs auch im Homeoffice ausgeführt werden würden. Da bleiben halt nur sehr sehr viele Berufsgruppen übrig, die entweder normal weitergearbeitet haben oder arbeitslos sind, bzw. vor den Ruinen ihrer Existenz stehen. 

Wenn mein Restaurant gerade geschlossen werden musste, ich hochverschuldet vielleicht noch meine Eltern an Corona verloren hätte und meine Kinder entweder keinen Ausbildungsplatz finden können oder im Homeschooling versauern, keine Ahnung, wie es mir gehen würde, oder wie ich den Maßnahmen gegenüberstehen würde. Ich würde nicht nur essen gehen vermissen, ich würde es vermissen Essengehende zu bewirten, damit ich meine Rechnungen bezahlen könnte. 

Wie gelästert wurde über die Menschen, die in Flieger gestiegen sind, sobald es wieder möglich war. Wie sich Menschen in meinem Freundeskreis nicht einmal trauen, zu sagen, sie waren im Urlaub, weil sie auch nicht mehr wussten, wo sie noch hinsollten mit den kleinen Kindern, ihrem Gefühl der Machtlosigkeit und dieser absoluten Erschöpfung.

Wie immer wurde mokiert und sich erhoben über Einzelpersonen, denn das macht es greifbarer für uns in unserer Erschöpfung und Machtlosigkeit. Wir können den Finger zeigen auf ein Individuum statt …tja. statt was? Was können wir denn noch tun? Vor der eigenen Türe kehren, wäre ein Anfang. Oder, für die ganz harten: richtet eure Wut auf die Politik, auf die Konzerne oder das System. Das erfordert wiederum Energie und Zeit, die viele von uns nicht haben. Wie viel einfacher ist es da, als Teil eines Mobs eine Einzelperson zu verhöhnen.

Wessen Realität ist denn korrekt?

Wir sind so unfähig geworden, andere Lebensrealitäten wahrzunehmen, dass wir selbst bei zwei Gründern mit einem bescheuerten Produkt so ausrasten im Netz, dass ich mich fragen muss, wann denn endlich mal irgendjemand sagt: es reicht! Ist das denn die einzige verdammte Funktion der sozialen Netzwerke geworden, sich gegenseitig fertig zu machen und jeden kleinsten Fehler zu nutzen, um andere Leben zu zerstören? Ist doch kein Wunder, dass wir uns wieder bei Rachel, Lorelai und Carrie wiederfinden, in einer Realität vor unserer Zeit. Natürlich fällt uns auf, was für schlichtweg diskriminierende Sachen in den Serien gesagt wurden, Sprüche, für die man heute gecancelled werden würde. Ich glaube, dass beispielsweise How I Met Your Mother 2021 nach der ersten Staffel nicht verlängert worden wäre.

Wenn es doch dann wenigstens Menschen treffen würde, die mit voller Absicht verletzen, erniedrigen und beleidigen wollen. Doch nein, es trifft mehr denn je auch diejenigen, die die Internet-AGB nicht durchgelesen haben. Vergessen sollten wir nicht die Updates, die müssen ebenfalls regelmäßig, akribisch und sofort auswendig gelernt werden. Sollte Unwissenheit bestraft werden? Vor ein paar Wochen war ich abends unterwegs und erst Tage später fiel mir auf, dass in unserem Kreis wieder Ausgangssperre herrschte. Ich hätte es nicht gewusst und hatte Glück. Manchmal weiß man es nicht besser.

Mit Kolleginnen habe ich letztens besprochen, dass wir inzwischen potenzielle Kritik oder Shitstorms schon beim Schreiben mit einkalkulieren oder abfedern. Ich frage mich bei vielen meiner Texte, ob sie, völlig falsch ausgelegt, auch von Menschen gekapert werden könnten, mit denen ich keine Ansichten teile. ‚Dann schreib nicht so, dass die das nicht gut finden würden.‘ Wenn es so einfach wäre. 

Ich mache und sage regelmäßig maximal unkluge Dinge. Vor wenigen Tagen erst hatte ich eine sehr, sehr ungute Idee für eine Koop und schon am nächsten Tag wurde mir im Gespräch mit einer Freundin klar, wie doof meine Idee war. Hätte ich das durchgezogen und ich möchte an dieser Stelle nicht übertreiben, hätte es meine Karriere als Autorin kosten können. Ich war so müde an dem Tag. Es war ein 16h Tag, mit einer Zugfahrt, die um 5:07 Uhr begann und ich war nicht mehr ich selbst. 

Wir erlauben Menschen nicht mehr, unwissend zu sein

Fehler sowieso nicht, die darf man ja schon lange nicht mehr machen, aber richtigen Kack darf man auch nicht mehr produzieren. Das Alberne geht gerade flöten, wenn doch gerade aus solchen Momenten so schönes neues entstehen kann. Natürlich unterstütze ich es, zu denken, bevor man den Mund aufmacht oder das diskriminierende Sprache weder im Internet noch im Alltag oder in Kinderbüchern etwas zu suchen hat. Ich entschuldige hier nicht das Fehlverhalten von Menschen, die es besser wissen müssten oder die sich keine Mühe geben beim Entschuldigen. Wir sollten aber an einen Punkt kommen, an dem uns klar werden sollte, welche Diskussion mit welchem Menschen auf welcher Plattform wem etwas bringen wird. Und vor allen Dingen: bevor Individuen in der Öffentlichkeit bloßgestellt werden, ist es nicht auch möglich, ein persönliches Gespräch zu suchen? 

Whatever happend to miteinander reden?

Wir können laut gegen Ungerechtigkeit sein oder wir können uns leise fortbilden. Wir sollten unseren Mund aufmachen, wenn jemand in der Straßenbahn angegriffen wird, aber wir können ruhig sein, wenn ein ehemaliger Arbeitskollege auf Facebook bescheuerte Artikel teilt. Wir wissen doch schon vorher, was passieren wird, wenn wir einen Kommentar dalassen. Stattdessen könnte man ihn stumm schalten, blockieren oder ihm eine Nachricht schicken. 

Das Recht auf Dazulernen, gibt es das noch?

Wer kleine Kinder zu Hause hat, entschuldigt sich oft mit Müdigkeit. Ich verstehe das und ich lebe das. Was aber, wenn eine Gesellschaft müde ist, weil alles so ermüdend ist gerade? Sollten wir dann nicht auch langsam anfangen uns zu entschuldigen oder zu überlegen, ob es das wirklich wert ist, unsere kostbare Energie in sinnlose Diskussionen zu stecken. Auf meinem Terminkalender für 2021 klebt ein Spruch, den ich aus einer alten Neon geschnitten hatte. Es war die Überschrift von einem Interview mit Oliver Pocher und lautet: „Heute hältst du mal die Fresse!“

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