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„Ich liebe meine Kinder. Ich hasse es, Mutter zu sein.“ #regrettingmotherhood jetzt auch auf Deuts

#regrettingmotherhood
Foto: Daniel Tchetchik

Ich sitze auf unserer Bank im Flur und gucke mir meine Nägel an. Die könnten auch mal wieder gemacht werden. Das kranke Kind schläft. Es ist 18:16 Uhr. Mein Mann wollte um 18:15 Uhr hier sein. Ich muss um 19:00 Uhr im Radialsystem V am Ostbahnhof sein.

Vorher muss ich noch diesen Kita-Vertrag, der zwei Wochen zu spät vom Amt an mich, ähm, uns weitergeleitet wurde, zur Post bringen und irgendwo schnell was zu Essen besorgen. Als das Kind eingeschlafen war, nutzte ich die Zeit um mich anzuziehen und mir mal wieder die Zähne zu putzen, essen kann man ja unterwegs. 18:23 Uhr, Tür geht auf. „Hier unterschreib das schnell, ich muss los.“ Er unterschreibt. „Willst du nicht wissen was du da unterschreibst?“ „Reichst du die Scheidung ein?“ „Nö.“ „Dann interessiert es mich nicht, wird schon passen.“ „Das Kind muss baden, du musst die Koffer vom Dachboden holen, deine Sachen für den Urlaub rauslegen und Essen ist im Kühlschrank, muss nur aufgewärmt werden, tschüss.“

Ich bin auf dem Weg zu einer Lesung, einer unter Umständen sehr polarisierenden Lesung. Zeit Online hat eingeladen, Orna Donath live zu erleben. Eine israelische Soziologin. Ihre Studie wurde nun auch als deutsches Sachbuch auf den Markt gebracht. Immer noch keinen Plan? Kurz und schmerzlos: #regrettingmotherhood.

Aaaaaaaaah. Genau, die, letzten Sommer, die Diskussion, die Artikel, das Genöle, die Gefühle, die Erleichterung, das Tabu, der Bruch desselbigen. Später erzählt Orna Donath, dass sie wusste, dass diese Studie explodieren würde. Sie wusste es, als sie die Interviews aufnahm, und musste sich zwischendurch immer wieder auf den Boden legen.

Gut, dass es am Hauptbahnhof eine kleine Poststelle ohne Schlange gibt. Beim Bäcker, der am nahesten zur S-Bahn gelegen ist, ein schnelles Brötchen mit Ei drauf geholt, weil billig und noch semi-gesund und nicht mehr so viel Kleingeld, und das muss dann noch für ein kleines Bier bei der Lesung reichen. In der Bahn dann das schreiben, was ich vergessen hatte zu sagen: Medizin muss noch und auch Ibuprofen.

Die junge Frau mir gegenüber ist wunderschön geschminkt, hat offenes welliges Haar, eine Sporttasche dabei und sieht aus wie ein Instagram-Model auf dem Weg zum Zumba. Mir läuft Remoulade aus dem Mundwinkel. Von wegen gesund, warum müssen deutsche Bäckereien auf jedes Brötchen Remoulade knallen? Whatever happened to Butter?

Ich schaffe es, gleichzeitig zu essen und ein Kapitel aus dem Buch zu lesen, bin also quasi vorbereitet. Im Eilschritt auf das blau angeleuchtete Gebäude – schick, schick, denk ich mir – und das Flens kostet nur 3 Euro, passt, gibt sogar noch Trinkgeld.

Drinnen dann die große Überraschung: alle jung, alle stylisch. Bin ich hier richtig? Muss ich ja, ich habe die Karte in der Hand und auf der Bühne sieht es stark nach Lesung aus. Jetzt mal ganz im Ernst, außer der grauhaarigen, sehr attraktiven Frau in der letzten Reihe ist jede einzelne Frau hier jünger als ich, gefühlt. Und ich bin Ende 20. Sie alle haben wunderschöne Haare. Perfekte Kurzhaarfrisuren, Pilzköpfe, Ponys, und wie heißt dieser dämliche Trend fresh aus Mitte – Half Bun? Teuer aussehende Brillen, entspannte Mienen. Nicht die Crowd, die ich erwartet hätte. Und ja, so um die zehn Quotenmänner waren auch da.

Gut, dass man sein Getränk mit rein nehmen darf, schon mal Pluspunkt für die Location. Ich setz mich in die letzte Reihe, neben die Grauhaarige, wir nicken uns zu. Um uns herum Trauben von jungen Frauen, die in Grüppchen Platz nehmen, laut lachend, wie aus einer Salatwerbung entsprungen.

Schläft er noch? Ist wach, wir kochen, gleich Fußball. Denk ans BADEN.

Maria Exner, stellvertretende Chefredakteurin Zeit Online, erinnert alle noch einmal an das trending Hashtag und die wochenlange Diskussionsbereitschaft letzten Sommer in Deutschland. Eigentlich ging es in der Studie nur um eine Frage und die verneinende Antwort: „Wenn du noch einmal entscheiden könntest, würdest du dann wieder Kinder bekommen?“ Nein.

Ich finde das ok. Ich finde das in Ordnung. Es löst in mir keinerlei Emotionen aus. Vielleicht ist es meine sowjetisch geprägte Herkunft, aber ich kann das schon verstehen, dass es Menschen gibt, die Kinder bekommen, und das dann bereuen. Menschen. Frauen und Männer. Mei, es ist nun einmal so, dass man es vorher wirklich nicht wissen kann. Und dann gibt es Leute, die bekommen Kinder, die sie eigentlich nicht wollten, und finden es toll. Um mal alle Missverständnissen auszuschließen: Diese Frauen, um die es in dieser Studie geht, bereuen ihr Dasein als Mutter, NICHT ihre Kinder. Sie LIEBEN ihre Kinder. Das behalten wir im Hinterkopf. Auch, dass es Frauen gibt, die sehr glücklich als Mutter sind und sich voll und ganz dafür entschieden haben, weil sie das möchten.

Orna Donath wusste mit 16 Jahren, dass sie keine Kinder haben wollte. Aus diesem Grund hat sie das Thema Mutterschaft und das Bereuen derselbigen für ihre Doktorarbeit gewählt. Zunächst waren Männer, sprich Väter, auch mit von der Partie, mussten dann aber weichen, weil so eine Doktorarbeit nur 300 Seiten lang sein darf. 2003 war das. Zu dem Zeitpunkt, pre-social media, kannte sie keine anderen Frauen in Israel, die ähnlich dachten. Also suchte sie sie. Oldschool.

Dazu muss man sagen: Wie viele Kinder hat man so durchschnittlich in Deutschland? 1,3. In Israel sind es drei. Gesellschaftlich ist das noch einmal eine ganz andere Situation als hier. Dort, erzählt sie, ist es einfach nicht akzeptiert, eigentlich nicht erlaubt, eine Nicht-Mutter zu sein, oder nur ein Kind zu haben, was fast noch schlimmer wäre als keines. Es macht Spaß, ihr zuzuhören. Sie ist witzig, sie kennt ihre Pointen, ihr Akzent ist charmant, ihre Sprache klar und nicht absolut. Sie betont immer wieder, dass sie als Soziologin spricht, handelt, forscht. „Die Gesellschaft gibt uns nur dieses eine Script, radiert alle anderen Möglichkeiten aus. Unsere Vorstellungskraft ist besetzt. Wir fragen kleine Mädchen immer, wann sie ein Kind haben möchten, nicht ob.“

In Deutschland ist die Sache ein wenig anders, erklärt Dr. Catherine Newmark, Philosophin und Kultur-Journalistin, die mit auf der Bühne sitzt. Dafür, wie die vorhin erwähnte Statistik zeigt, gibt es zu viele Nicht-Mütter hier. Zu viele Mütter von nur einem Kind. In Deutschland gehe es nicht um den auferlegten Zwang der Mutterschaft, sondern um das idealisierte Mutterbild. Die perfekte Mutter. Daraufhin Frau Exner: „If you don’t struggle with the ideal, you struggle with reality.“

Und immer wieder die Frage nach der Vereinbarkeit von Kind und Karriere. Orna Donath räumt ein, dass Karriere nicht das automatische Pendant zum oder Ersatz für ein Kind seien. Karriere ist keine Option für alle und eine fehlende Karriere ist in den seltensten Fällen der Grund für #regrettingmotherhood. Armut und Rassismus gehören zu den wahren Gründen. Frauen, die ihre eigene traumatisierte Kindheit noch einmal durchleben, und sich täglich an ihre Pein erinnert fühlen. Ich wollte aufstehen und applaudieren. Danke, dass ich es auch mal jemand anderen sagen höre. Wenn sich eine Frau gegen Kinder entscheidet, dann wird automatisch angenommen, sie tue das, weil sie ein Leben als Karrierefrau anstrebt. Woher kommt diese Annahme? Warum dürfen Frauen nicht einfach sein? Es gibt so viele weibliche Identitäten, die man als Frau ausleben könnte, doch einfach nur zu sein, wird uns selten erlaubt. Eine Frau kann abends, nach ihrem Normalo-Job nach Hause gehen, Papierflugzeuge bauen und einen Kreis an die Wand malen, und versuchen, diese Flugzeuge in diesen Kreis fliegen zu lassen, und sie hat trotzdem eine Identität als Frau. Man muss nicht immer irgendetwas sein müssen, man kann auch einfach nur sein. Schweigen. Dann Applaus.

Der Unterschied zwischen Reue und Ambivalenzen ist das Lächeln deines Kindes. Diejenigen, die „nur“ Ambivalenzen verspüren, sagen oft, dass das Lächeln des Kindes den Unterschied macht, egal wie scheiße die Nacht war, oder wie abgehetzt man nach Hause kommt, man hat da dieses Wesen, und es lächelt einen an, und dann passt wieder alles. Shit, ich lächle, und habe dieses unglaubliche Gefühl von Liebe in mir, gucke aufs Handy. Habt ihr gebadet? 1:0 Juve, ich raste aus. Ich gucke wieder hoch und realisiere, dass die Gruppe von sechs Mädels vor mir kichert. Zwei gucken sich an und machen ein betont glückseliges Lächeln nach. Anscheinend machen sie sich über Orna Donaths Geschichte lustig. Ich ertappe mich selbst, wie ich denke, wartet, bis ihr Kinder habt, ihr wisst noch nicht, was Liebe ist. Doch vielleicht werden sie keine haben.

Wenn man Mutterschaft bereut, dann gibt es keine Ambivalenzen und kein aber. Man hat einen Fehler gemacht, und man ist sich dessen bewusst. Frau Newark vergleicht es mit Schönheitschirurgie. Man kann Kinder bekommen, und man kann sich liften lassen, beides kann man nicht rückgängig machen, und bei beiden weiß man vorher nicht, wie es sein wird. Und beide kann man sich schönreden. Wir bereuen viel im Leben, warum ist es ein solcher Skandal, wenn Mütter sagen, dass sie ihre Mutterschaft bereuen?

Catherine Newark sagt in einem Nebensatz, weil sie englisch sozialisiert ist, empfindet sie dieses schlechte Gewissen nicht so wie viele ihrer deutschen Bekannten, die sich manchmal wünschten, sie könnten das Kind schon um 15 Uhr statt um 16 Uhr abholen. „The funny thing really is, why would you assume that you are the best option for your child at all times? Why are German parents so convinced that they’re so amazing?“

Weil man alles richtig machen möchte und weil es kein „falsch“ geben darf. Weil man hier auf offener Straße und im Supermarkt und in der Bahn von wildfremden Menschen zurechtgewiesen wird, wie man mit seinem Kind umzugehen hat. Einmal waren wir im Bus, das Kind schlief im Kinderwagen, da fragt mich eine Frau aus heiterem Himmel, ob mein Kind durchschläft, einfach so. Ich verneinte. Daraufhin sie: „Selber schuld, Sie lassen ihn ja tagsüber schlafen.“ Mein Kind war da so drei Monate alt, die Frau kannte mich seit 20 Sekunden und sie hatte das unglaubliche Verlangen, stellvertretend für alle rechtschaffenen Bürger, mir zu erklären, wie mein Kind wann zu schlafen hat. Ich hoffe, dass auch oder gerade kinderlose Leser das Absurde an dieser Situation erkennen. Heute Abend allerdings war ich positiv überrascht. Selten habe ich einen so bedachten und respektvollen Umgang untereinander erlebt wenn Mütter, Kinderkriegen oder Erziehung thematisiert wurden.

Als ich auf dem Rückweg war, musste ich an diese Frau aus dem Bus denken. Beziehungsweise als ich auf dem Weg zu McDonalds war, um noch in Ruhe einen Milkshake zu trinken und auf Instagram rumzudödeln, bevor ich nach Hause musste. Wenn ich ohne Kind unterwegs bin, lässt mich die Welt weitestgehend in Ruhe. Doch mit Kinderwagen bin ich Zielscheibe verbaler Verbesserungsattacken. Würde ich mir das zu Herzen nehmen – an manchen Tagen tue ich das – dann würde es mir richtig scheiße gehen. Ich würde darüber nachdenken, ob ich alles richtig mache, obwohl ich mich eigentlich daran erinnern sollte, dass es kein „richtig“ gibt. Was es gibt, ist das Gefühl, das man hat, wenn man die Tür aufmacht, und dann dieses laute Lachen, dieser „Mama“-Kreisch und dieses ungebadete Gesicht alles andere egal machen. Ich hab ein paar Blätter Papier aus dem Drucker genommen und meinem Kind gezeigt, wie man daraus Flugzeuge baut. Er konnte sein Glück nicht fassen und küsste vor lauter Bewunderung mein Knie. Wir haben die Flugzeuge dann Richtung Fernseher fliegen lassen, die Bayern hatten nämlich doch wieder gewonnen.

Die deutsche Übersetzung des Buches von Ornat Donath, Regretting Motherhood: Wenn Mütter bereuen, gibt es am sofort in den Buchläden.

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