Hauptstadtmutti

Zwischen Bauern und Berlin: Klickerei

Ich ärgere mich. Über das Internet. Dani ärgert sich auch über das Internet, wir können das beide gut und wir sind beide frustriert deswegen. Vor über zwei Jahren schrieb ich diesen Artikel über die Unsinnigkeit von Online Kommentaren. Ich stehe nach wie vor dahinter, geändert hat sich nicht wirklich was. Hinzugekommen sind Artikel zu Cancel Culture, Mirna Funk, TikTok und Instagram. Das Thema Digitales und Social Media beschäftigt mich, wie so viele mehr denn je, denn seit März 2020 wurden selten Alternativen zur Zerstreuung geboten.

Bilder, Beiträge, Talkshows und Texte sind so absurd geworden, dass ich mich frage, wie wir uns jemals über Buzzfeed Listicles erheben konnten. ‚Die machen das nur für die Klicks‘ haben wir lamentiert. Yeah well Bitch, das machen inzwischen viele, wenn nicht alle.

Alles für die Klicks!

Natürlich sind viele Accounts und Plattformen monetarisiert und die Klicks übersetzen sich in Überweisungen aufs Konto. Das ist auch richtig so, für jede Art von Arbeit sollte man bezahlt werden und nicht nur in Tagescremes und Rezensionsexemplaren. Es sollte nicht unbedingt betont werden, aber natürlich zähle ich mich und diese Plattform zu ebenjenen Accounts, die indirekt durch Klicks bezahlt werden. Niemand würde hier Werbung schalten, wenn diese Seite nicht geklickt werden würde. Hätten wir das auch klargestellt.

Um aber irgendeine Art von Aufmerksamkeit online zu erhalten gehen die Leute steil. Es findet online ein Seelenstriptease statt, der sich nur noch gegenseitig übertrumpfen will. Das aber nicht nur alle paar Monate, um eine wichtige Diskussion anzustoßen und Menschen zu inspirieren, sondern um wöchentlich, wenn nicht sogar täglich die Klicks nach oben zu fahren. Und genau dann passiert so etwas wie diese gottverdammte Pinkstinks Bullshitterei. Und nein, ich verlinke den Dreck nicht noch einmal, da ich denen als offizielles Mitglied der Vogue Community schon genug Klicks beschert habe. Übrigens, wenn irgendwer Klicks braucht, veröffentlicht er oder sie irgendetwas Kontroverses zum Thema Kinder abbilden im Netz. Da ist dann auch völlig latte, in welche Richtung das geht, es klickt immer gut. 

In ‚Dear Girlboss, we are done‘ schreibt Bianca Jankovska beispielsweise in dem Kapitel ‚Das Private ist voyeuristisch und gewaltsam‘ wie Inhalte in den Medien, auch beeinflusst durchs Bloggen, immer persönlicher wurden. Nichts war zu schade. So dass manch eine Gastautorin sich nach ein paar Wochen fragt, wie gut es wirklich war, in der Öffentlichkeit über ihre persönlichen Tiefpunkte zu schreiben. Emotionalen Striptease für ein paar hundert Euro abliefern und für immer ist ein Tiefpunkt des Lebens im Netz. Nicht unbedingt journalistisch aufgearbeitet, sondern wie ein kaputter, trauriger Tagebucheintrag. Das, was Bloggen auch einfach mal war.

Wie schwierig muss es sein, das Konzept ‚Klickerei‘ nicht zu verstehen?

Früher haben sich die Fernsehsender gegenseitig drum gekloppt, wer die höchsten Einschaltquoten hat, heute tun sie es genauso weiter, nur halt in direkter Konkurrenz mit zig Streamingdiensten und ‚dem Internet‘. Second Screening ist kein Phänomen mehr, es ist Standard. Das heißt unser kaputtes Gehirn guckt und scrollt, kommentiert und schaltet um, oder verbindet zur neuen Hype-Serie, die als komplette Staffel innerhalb eines Abends gebinged wird. Nur um nebenher zu googeln, welcher Schauspieler inzwischen gecancelled wurde oder ob das wirklich stimmt, was man da gerade gehört hat. 

Das bedeutet, dass sowohl die Angebote der Streamingdienste als auch die des regulären Fernsehens um Aufmerksamkeit buhlen. Ach, und die fünfzig Menschen, denen man folgt, die mit Instagram irgendwie indirekt Geld verdienen. Das tut auch deine Lieblingsautorin und das tut auch die Moderatorin oder der Fußballer, sowie die Bundestagsabgeordnete. Niemand kann da mithalten. Nicht mit multiplen Screens und gespaltener Aufmerksamkeit. Täglich, stündlich, minütlich. Bei jedem Klogang, Fernsehabend oder während man Kartoffeln schält. Selbstgewählte Informationsbombardements, die sogar den banalsten Spaziergang in einer Whatsapp Story festhalten. 

Als Eltern erfahren wir immer mehr über die extremen pornographischen Inhalte, mit denen Kinder schon teilweise in der Grundschule konfrontiert werden. Eine Industrie, die genauso nach Klickzahlen giert wie alle anderen auch. Nur dass hier Extreme erreicht werden, die schocken sollen und nicht befriedigen. 

Da machen wir uns Sorgen, denn die armen Kinder und Heranwachsenden, die können das alles gar nicht verarbeiten. Und wir können das? Es ist unmöglich stundenlang Informationen zu konsumieren über jede erdenkliche App, die sich irgendwer mal ausgedacht hat, mit einem einzigen Ziel: Geld zu verdienen. Wir erheben uns über Inhalte und Kämpfe, die auf Apps und Plattformen ausgetragen werden, die in einem virtuellen Raum entstehen und stattfinden. Es wird mitgefiebert, geguckt, wer den nächsten Schlag ansetzt oder K.O. geht. Zurück bleibt man mit einem Gefühl von ‚der haben wir es aber gezeigt‘. Die Ungerechtigkeit des Seins oder der schieren Existenz wird an einem Individuum auf Twitter justiert. Geht’s noch?

Diskurs findet in einem isolierten und luftleeren Raum statt, der genau das ist, was sie alle nicht sein wollen: fake. Die Glocken bimmeln und das Opfer du joure wird nackt und rasiert durch die Menschenmassen gejagt, während der Pöbel krakeelt #SHAME. Es wird zur liebsten Beschäftigung online, das shaming, denn es muss sich gut anfühlen, da oben auf dem Podest zu stehen und mal so richtig für die absolute Gerechtigkeit gekämpft zu haben. Schade nur, dass wer auf einem hohen Ross sitzt vergisst, dass solche Pferde mit vielen Megabytes schnell unterwegs sind und die reitende Person schnell zu Fall bringen könnte, damit sich ein anderer positionieren und die schöne Aussicht von hoch oben genießen kann. 

Klick, Klick, Klick

Speichert meine Beiträge, teilt sie, liked sie, gebt sie mir, die Aufmerksamkeit! Hier ist ein neuer Post, bitte bitte guck ihn an, am besten jetzt, morgen kommt ein Neuer! Bis dahin mach ich ganz viele Cliffhanger, schlimmer als GZSZ es je hingekriegt hätte. Ich hate nicht auf Menschen, die Instagram professionell, als PR-Maschinerie oder als Cash Cow nutzen, im Leben nicht. Ich möchte, dass Nutzerinnen und Followerinnen sich dessen bewusst sind. Ihr könnt folgen, wem ihr wollt, aber auch ‚die Guten‘ nutzen die gleichen Methoden wie die Schlechten. Und um Follower*innen zu kriegen und bei Laune zu halten, müssen regelmäßig neue Methoden her.

Wir sind hier nicht bei Aschenputtel und müssen nicht nach gut und böse sortieren. Ob Weltrettung, Aktivismus, Buchempfehlungen oder Alltag mit Kind: durch auf Instagram generierte Maßeinheiten wie Klicks, Likes oder Follows verdienen Menschen Geld. Auch eure Lieblingskolumnistin. Die, übrigens, oftmals, keine ausgebildete Journalistin ist. Genauso wie ich es nicht bin. Ich habe weder ein Problem mit dem Wort Influencer noch mit ‚Content Creator‘, aber es gibt da noch ein ganz einfaches: Autorin. Viele Menschen, die auf Instagram oder Twitter sind, schreiben einfach gern. Da man aber als Einzelperson sehr schlecht täglich mit neuem Content um die Ecke kommen kann, nutzt man das persönliche Umfeld oder Erfahrungen. Im Fall von vielen Familienblogger*innen ist das der eigene Nachwuchs, im Falle von vielen Beauty Influencern das eigene Gesicht. Ich betone, dass diese Aussage in keinster Weise wertend ist. Ich möchte lediglich betonen, dass hier nicht aus journalistischer Ambition heraus agiert wird, sondern um Content zu schaffen. Egal wie. 

Niemand ist heilig, Fehler passieren und man kann auch weitermachen. Die meisten Menschen, denen ihr gerne folgt, weil sie eben so ‚real‘ sind, haben auch ein Leben. Die größte Unart ist übrigens Accounts ungefragt versteckt zu taggen, damit diese dann die jeweilige Inhalte auf ihrem Account posten. Die Tags sind nicht erkennbar für die Nutzenden, aber für die Account-Inhaberinnen. Unfassbar nervig. 

Inszenier mich, Baby

Permanent davon auszugehen, dass einer dieser Menschen die ‚absolute Wahrheit‘ teilt oder mit klug aufgearbeiteten Kacheln Meinungen für immer verändern könnte ist wirklich unfassbar irreführend. Selbst der authentischste Account macht die Küche entweder extra dreckig oder sauber. Auch ein unaufgräumtes Zimmer ist inszeniert. Was ok ist, denn sich im Internet zu präsentieren ist immer eine Inszenierung. Das Netz ist eine Bühne, genauso wie das Reality TV immer auch gestellt ist, egal wie authentisch. 

Die Pandemie hat uns aber noch mehr den Bezug zur Realität, zur zwischenmenschlichen Kommunikation und zu direktem Austausch verlieren lassen. Ich wiederhole mich zum gefühlt zehnten Mal dieses Jahr, aber die Nerven liegen blank. Das verstehe ich. Ich kann auch keine anderen Ratschläge geben, als zu sagen: legt das Handy weg, bestellt euch eine Pizza und guckt einen Film, lest ein Buch oder, wenn es hilft, fahrt weg.

Wie bitte? Ja, fahrt weg. Lasst euch testen und fahrt weg. Macht es. Denn alles, was ich mitkriege aus meinem persönlichen und professionellen Umfeld, ist dass hier sehr, sehr viele Menschen mal einen Tag in einem anderen Umfeld benötigen. ASAP.

‚Es kann aber nicht jeder einfach so wegfahren.‘ Wir üben das nochmal: Online Kommentare bringen niemandem was. NIEMANDEM. 

Vielleicht wollte ich genau diese Gedanken noch einmal ausführen, bevor ich euch meinen Entschluss mitteile. Mein Fazit aus dieser gesamten Misere ist, dass ich zu irgendwem sagte, dass am Ende des Tages die ganzen retuschierten Fitness Models mit ihrem Detox Tee ehrlicher sind als die aktivistische oder feministische oder Eltern-Bubble, denn die posten ihre heißen Bilder, posieren, kaschieren und halten ein Produkt in die Kamera. Das soll ehrlicher sein? Ja, ich gucke mir den Account an und weiß, was ich kriege. Wie schon in der letzten Kolumne zum Thema Müdigkeit mehr als ausführlich erklärt, frage ich mich echt, an welchem Punkt die Fähigkeit verloren gegangen ist, einfach mal die Fresse zu halten.

Ich habe den Artikel so oft umgeschrieben und durchlesen lassen, damit wirklich jeder potentielle Shitstorm aufgrund eines Begriffs oder eines Kontexts, den ich nicht direkt ersehen konnte, präventiv vermieden werden konnte. Nun, sicherlich würde hier das Argument greifen, dass das ja eigentlich das Ziel ist. Well, ich bin keine Journalistin. Ich muss gar nichts und ich schulde niemandem nichts. Keine Rechtfertigungen mehr. Ich arbeite auch für niemanden, als mich selbst und das gibt mir eigentlich die Freiheit, meine Leserschaft an meinen Gedanken teilhaben zu lassen. Theoretisch. 

Baby don’t hurt me, no more

Schon wieder viel zu lang meine Sichtweise erklärt. Was ich sagen möchte: Ich hab beschlossen, dass ich es lasse. Inzwischen sollte jeder letzte Horst checken, dass ich das Internet, soziale Netzwerke und neue Plattformen kacke finde. Zudem sollte Herr Horst auch checken, dass das nicht im Gegensatz zu dem stehen muss, was ich beruflich mache. Die Pandemie hat uns leider mit wenig Alternativen zum Smartphone ausgestattet, oder, seien wir ehrlich, unser Hirn ist am Ende eines Tages mit Homeoffice, Schichtdienst, Testen, Angst haben und Homeschooling nicht mehr fähig, mehr als kurze Instagram Captions aufzunehmen. I get it. 

Das führte aber zu einem Ton und einer schnellen Aufladung, die sich grundsätzlich an Individuen entladen hat. Und darauf habe ich keinen Bock mehr, deshalb zurück zu den Wurzeln, sprich Mutti-Kolumnen, und weg vom Schreiben übers Internet. Es wird von mir keinen Text mehr das Internet gebe, weil ganz ehrlich: 

Fuck the Internet, mehr Pommes und Crémant!

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