Berliner Lesestoff – lest mehr Berlin

Berlin lohnt sich immer, als Besuch, als Ort zum Leben oder eben auch als Schauplatz für Bücher und Filme. Wir haben uns die letzten Monate hingesetzt und jede Menge Bücher gesucht (und gefunden), in denen Berlin neben den Protagonisten die Hauptrolle übernimmt. Und wir können nur sagen: Leute, lest diese Bücher. Unsere Liste:

Eva Ladipo – Räuber

Vielleicht das wichtigste Berlin-Buch, das ich je gelesen habe, deshalb auch ganz oben. Das Buch wurde inzwischen unendlich mal weiterverliehen, ich habe es empfohlen bis zum geht nicht mehr und auch bei der aktuellen ‚Deutsche Wohnen enteignen‘-Debatte komme ich immer wieder auf dieses Buch zu sprechen. Denn genau darum geht: den Berliner Mietmarkt, die Politik dahinter und die Verstrickungen zwischen Wohnungsnot und Gier. Außerdem, und das ist mindestens genauso wichtig, schafft es die Autorin eine realistische Affäre, Mutterschaft, Ehe und Frausein so darzustellen, dass man es nicht nur glaubt, sondern mitfiebert.

Eva Ladipo Gastbeitrag über guten Sex in der Literatur findet ihr hier.

Till Raether – Treue Seelen

Liebe im geteilten Berlin der 1980er. Achim und Barbara sind um die 30 und im Frühjahr 1986 frisch nach West-Berlin gezogen. In der Hoffnung, dass man da ein anderer Mensch wird, wenn man da lebt, wo Bowie mal war. Hach ja, wenn es so einfach wäre. Achim verliebt sich in Marion, die wiederum aus Ost-Berlin stammt und ihren Bundesgrenzschutz-Hubby Volker nicht mehr ganz so supi findet. 

Das sehr ausführliche Interview mit Till Raether findet ihr hier.

Regina Scheer – Machandel

Ich muss einen Begriff von der guten und detaillierten Deutschlandfunk-Rezension stibitzen: Multiperspektivisches Zeitmosaik. Das ist es, das ist Machandel. Es ist deutsch-deutsche Geschichte, es ist Berlin, Vor-Wende, aber auch Krieg. Clara, eine der 5 Ich-Erzählstimmen, ist in Machandel um rauszukommen, aber auch, um ihre eigene Geschichte besser zu verstehen und kennenzulernen. Anspruchsvoll ist das Lesen auch, man muss sich schon konzentrieren, aber das ist es wert.

Mirna Funk – Winternähe

Wieso ich jahrelang gewartet habe, dieses Buch zu lesen, weiß ich selbst nicht mehr. Doch dann hat es mich genauso beeindruckt, wie alle anderen auch, die es mochten. Es geht um Lola, eine junge Deutsche, die auch Jüdin ist. Lola wurde in Ost-Berlin geboren, ihr Vater geht in den Westen und sie wächst bei ihren jüdischen Großeltern auf. Ihre Großeltern haben den Holocaust überlebt, sie selber soll cool bleiben bei antisemitischen Sprüchen, aber auch bei der Diskussion, wie jüdisch sie denn nun ist. Als Leserinnen erfahren wir mehr über Antisemitismus in Deutschland und den Krieg in Israel im Sommer 2014. Dagegen wehrt sie sich. Mirna Funk streut kein Salz in die Wunde, sie muss die Wunde erst kreieren, um dann das Salz reinzukippen. Das kann sie gut, wissen wir.

Katja Oskamp – Marzahn, mon amour

Ich habe es sehr, sehr gerne gelesen. Ich bin eine wirklich strenge Leserin, wenn es um Unterschichten-Content geht, wenn wir das an dieser Stelle mal so nennen wollen. Aber schließlich geht es hier um zwei Themen, die sonst auch nicht so oft und so gut behandelt werden: Marzahn und Dienstleistungen. Als Fusspflegerin gibt Katja Oskamp den Menschen, die sie behandelt, genau das bisschen Würde zurück, das sie aufgrund von vielen Faktoren teilweise verloren haben. Viele von ihnen sind alt oder krank, manche brauchen Hilfe im Alltag, weil sie nicht klarkommen. Unterhaltsam ist es auch und vor allen Dingen geht es um Freundschaft und um den Alltag. Die Kapitel kann man super hintereinander weg lesen oder das Buch auch mal ruhen lassen und man steigt einfach wieder ein. Ich mochte es wirklich sehr.

Bianca Nawrath – Iss das jetzt, wenn du mich liebst

Kinga ist Berlinern, aber sie auch Deutsch-Polin. Ihr Freund Mahmut ist Deutsch-Türke und Kingas Familie weiß nichts von ihm. Also macht Kinga, das in ihren Augen einzige Logische: zur nächsten Hochzeit nimmt sie ihn einfach mit und stellt alle vor vollendete Tatsachen. Puh. Deutsche Migrationsliteratur vom Feinsten, sehr witzig, aber auch klug. Klischees, Vorurteile, Stereotypen und das Aufwachsen als Mensch mit Migrationshintergrund im Nachwende-Berlin. Alles drin. Bianca Nawrath hat das Buch mit Anfang 20 geschrieben und ihre Energie sprüht aus jeder Seite. Unser Interview mit ihr findet ihr hier.

Alexandra Stahl – Männer ohne Möbel

Für mich eines der geilsten Cover, das ich je gesehen habe. Die Geschichte ist ein wirres, flinkes und völlig abstruses Hin und Her von Fickerei und Liebelei in Berlin. Daten in Zeiten von Tinder halt. Mein neuer Lieblingsschauplatz ist die Kneipe ‚Italien‘ am Neuköllner Landwehrkanal und wegen mir hätte es auch ein Buch über diese Kneipe sein können. Denn die Männer ohne Möbel machen mich bekloppt und erinnern mich an meine 20er und dieses anstrengende, hoffnungslose Rum-Daten. Doch Ellie macht ja dann einen Schreibkurs, lernt, sich selbst und ihr Leben als Roman zu verstehen und landet in Italien. Sehr meta. Mehr verrat ich nicht.

Regina Scheer – Gott wohnt im Wedding

Es geht um ein Haus, eine Straße und das Leben im Wedding. Leo Lehmann, deutsch-jüdische Tragödie, Sinti und Roma, Leila, Verfolgung, Ermordung und Übergriffe.

„Die meisten denken, ein Haus sei nichts als Stein und Mörtel, totes Material. Aber sie vergessen, dass in meinen Wänden der Atem von all denen hängt, die hier gewohnt haben. Ihre Tränen, ihr Blut habe ich aufgesogen, ich habe ihre Schreie gehört, ihr Flüstern, ihr endloses Gemurmel in den Nächten. All ihr Leben habe ich in mich aufgenommen, durch sie lebe ich selbst, auf meine Weise.“

Regina Scheer, ‚Gott wohnt im Wedding‘

Mirna Funk – Zwischen Du und Ich

Puuuuuuuuuh. Ja, so in etwas. Es ist so hart, es tut so weh und es ist so gut. ‚Von der Gewalt in der Vergangenheit und der Liebe in der Gegenwart‘ trifft es schon richtig gut. Zunächst einmal ist es ein so guter Stolperstein-Diss, dass ich alleine an den Stellen schon wirklich sehr lachen musste. Lachen? Klar, Mirna Funk schreibt vielleicht schwere Kost, ist dabei aber immer auch mega witzig. Nike aus Berlin-Mitte und Noam aus Tel Aviv, mit eigenem Berlin Hintergrund, erzählen abwechselnd darüber, wie kaputt sie sind und auch wie sie sich kennenlernen. Ich liebte den Perspektivenwechsel sehr und war nach wenigen Tagen durch, auch, weil ich unbedingt wissen musste, wie es ausgeht.

Felix Lobrecht – Sonne und Beton

Es ist lange her, dass ich dieses Buch gelesen habe, aber ich bezeichne es immer noch als TKKG für Erwachsene. Es geht ab, es ist witzig, wenn man auf den Witz von Felix Lobrecht steht. Und es geht um Neukölln. Vielleicht was für eure Teenager zu Hause?

Steht auf der Liste und wird bald gelesen

Lutz Seiler – Stern 111

Julia Franck – Die Mittagsfrau

Marion Brasch – Ab jetzt ist Ruhe

Lea Streisand – Hufeland, Ecke Bötzow

Yadé Kara – Selam Berlin

Berlin.Plattenbau – Diana Lehmann

Aljoscha Brell – Kress

Volker Kutscher -Der nasse Fisch (Die Gereon-Rath-Romane)

Sven Gablonz und Steffen Kumm – „Die Tür zur Fetten Kohle“: Luden, Hools, Leichte Mädchen Suchen das schnelle Geld im Berliner Nachtleben

Alexander Osang – Königstorkinder

Irmgard Keun – Das kunstseidene Mädchen

Judith Hermann – Sommerhaus, später

Foto Beitragsbild: Julia Solonina on Unsplash

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